„7 Minuten Leidenschaft“

Bericht der Jury mit ausführlicher Begründung

Nach intensiven Diskussionsprozessen hat die Jury aus der im Juli vorgestellten TOP 26 Liste zunächst sechs Texte für die Endwertung nominiert:

  • begegnung im hotel
  • Ohne Titel [Textanfang: "je brûle pour toi / er brüllt nach ihr / die tage werden trüber..."]
  • marienlied
  • muzak
  • Singen
  • Und plötzlich

Wiederum intensive Diskussionen führten zu einem eindeutigen 1. Platz, die Entscheidung um Platz 2 und insbesondere die Plätze 3 und 4 war äußerst knapp.

 

Den 1. Platz belegt der Text „Singen“ von Danilo Pockrandt aus Halle:

Ach Kuckucksuhr, du Maulbrüterin,
jede totgeschlagene Stunde 
spuckst du dein hölzernes Küken ins Licht.
 
Es öffnet und schließt seinen Schnabel mechanisch,
du trällerst synchron – wenig Zeit bleibt ihm zum Flattern, 
quietschen die winzigen Flügel verhalten.
 
Wie soll dieser müde Sägespan 
sein Herz üben, seine Stimme finden – einmal
löst sich eine Feder im Getriebe.

 

Den 2. Platz belegt der Text von Uwe Schoor aus Marbach:

je brûle pour toi
er brüllt nach ihr
die tage werden trüber
long live le roi
warum pourquoi
nicht unter und nicht über
 
gib ihn heraus
das tat sie nicht
ich habe das gelesen
ein galgenlicht
wie geht es aus
hab’s irgendwo gelesen
 
und sag mal du
ich hab nichts vor
du schickst dich an zu nicken
dein königssohn
steht schon im tor
du kannst ihn doppelklicken

 

Den 3. Platz belegt der Text „begegnung im hotel“ von Michaela Hampala aus Graz:

zwischen aufgeklappten koffern
kein wort über das offensichtliche
 
wir trinken gekühltes wasser
stehen in diesem zimmer das uns nicht gehört nur
das geräusch der eiswürfel in den gläsern
 
draußen legt die späte stunde
noch einmal licht auf die hügel
 
das öffnen deines mundes
die linie des halses dein schlucken 
deine berührung eine schwalbe fort fliegen wir beide
 
jetzt frisst uns die nacht aus der hand
 
deine roten wangen sagst du
am boden die feuchten handtücher

Wir gratulieren den Gewinnern recht herzlich!

 

 

Erläuterungen der Jury zu den Siegertexten

Nur ganz wenige Einsender haben den Begriff tatsächlich hinterfragt und konnten sich lösen von den gängigen Klischees, die so oft mit Leidenschaft verwechselt werden. Leidenschaft ist auch - das mussten wir lernen in unserer Arbeit als Jury - für nicht wenige Einsender einfach nur ein Synonym für Sex. Leidenschaft in der eigentlichen Wortbedeutung, also Passion im besten Sinne, hat erst einmal nichts zu tun mit Rosenkitsch und klischeehaftem Dahinschmachten bis hin zu feuerzüngelndem frivolem Rein-Raus - im Zeitalter von Copy’n’Paste sich fast wortwörtlich gleichenden Ergüssen: zu großen Teilen ein Wortabklatsch in überbordenden Bildern.

Doch Leidenschaft ist viel mehr als das. Leidenschaft ist in der eigentlichen Bedeutung dieses Wortes ein intensiver Affekt, der die ganze Person emotional ergreift. Dieser kann in Liebe oder Hass münden, kann sich aber auch anders zeigen und ausleben, beispielsweise in religiösem oder politischem Fanatismus, in strenger Tugendhaftigkeit oder auch wildem Lebenshunger. Es beschreibt immer Intensität; was getan wird: man ist in seinem Element und verfolgt mit ganzem Herzen seine Ziele. Der ursprüngliche Sprachgebrauch deutet auf das Zerstörerische dieser Kraft hin: etwas, das „Leiden schafft“, heute überwiegt allerdings der positive Anteil des Wortes. 

 

Nachfolgend die drei Texte, die aus unserer Sicht herausragend waren, weil sie dem so vielfältigen Begriff andere Qualitäten abforderten und sich dem Thema mit Präzision und Scharfsinn näherten.

 

I

 

#649, Danilo Pockrandt: Singen



Ach Kuckucksuhr, du Maulbrüterin,

jede totgeschlagene Stunde 

spuckst du dein hölzernes Küken ins Licht.



Es öffnet und schließt seinen Schnabel mechanisch,

du trällerst synchron – wenig Zeit bleibt ihm zum Flattern, 

quietschen die winzigen Flügel verhalten.



Wie soll dieser müde Sägespan 

sein Herz üben, seine Stimme finden – einmal

löst sich eine Feder im Getriebe.

 

--

 

Anti-Leidenschaft im Uhrwerk. In Pockrandts Text wird Leidenschaft und Leidenschaftlichkeit karikiert bis zur Farce. Eigentlich ein Anti-Leidenschaftstext, der genau durch die Darstellung der Nicht-Leidenschaft das Wesen des Leidenschaftlichen umso greifbarer macht. Ein Text „nicht ohne Hintersinn, das singt auch noch auf den zweiten Blick hölzern und quietschig“. Zudem ein sehr origineller Text, der zugleich witzig und geistreich ist, der die Leidenschaft in doppelter Hinsicht umbricht. Der beschriebene Vogel ist nur in seiner abgespulten Automatik leidenschaftlich und ruht für die längste Zeit – ein Stück Holz und Teil einer Mechanik – totenstill im Gehäuse. Für einen kurzen Augenblick darf er, der hölzerne Kuckuck, singen. 


Im Folgenden einige aussagekräftige O-Töne aus dem Forumthread der Jury zu diesem Text:


„Viele Texte gaben sich viel Mühe, komisch zu sein, wenige waren es wirklich. Das hier ist auch kein aufdringlich-plumpwitziger Sexklamauk oder dieser 7-Minuten-Pils-Humor, flach und öd. Hier wurde feinsäuberlich unterschieden: zwischen dem (armen?) Vögelchen, dem "müde[n] Sägespan" und dem Mechanismus der Uhr, der ihm das Flattern und selbst das Singen ermöglicht, der schnöden Uhr, der "Maulbrüterin", die für ihn auch noch den Kuckuck macht und selbigem die Stimme leiht.“ - „Dieser [Text] hier trifft voll auf die Zwölf.“


In Pockrandts Text wird parabelhaft und mit „Bravour mancher Mechanismus der LEIDENschaft aufgedröselt wie ein Uhrwerk. Was äußerlich leidenschaftlich WIRKT und was innerlich ein blöder Seelen- und lebloser Mechanismus ist, eine Feder, ein Sägespan, ein tumbes Uhrwerk und alle diese drei blöde bis zum Anschlag, dumm wie ein Stück Holz. so könnte man den Bezug ausdeuten“. Der Text erschien der Jury mehrdimensional, wie nachfolgende Untersuchungen zeigen sollen.

Sprache. Rhythmus. Die Wortwahl ist in ihrer harten Fügung konsequent durchgehalten, es ergibt sich ein homogener Wortfluss, der den Inhalt durch seine Rhythmik durchgängig trägt. Die Sprache ist dem Inhalt in jedem Vers angemessen, bringt weder weitschweifig noch allzu verklärerisch die Sache sehr genau auf den Punkt und hat dabei vielleicht sogar etwas augenzwinkernd Schnodderiges, was aber eine angemessene Kühle (um nicht zu sagen: Distanz) bezüglich des Themas erzeugt. Es entsteht ein ganz eigenwilliger Sound, der klassisch klingt, aber durchaus modern ist; mit Klangfarben, die sprachlich den irrwitzigen und tragikomischen "Haken" des Inhalts immer nachfolgen und den Text vom ersten bis zum letzten Vers glaubwürdig machen.

 

Hölderlin: An die Parzen. In den derart präzise platzierten Worten klingen versteckt Hölderlins Parzen an. Am deutlichsten bringt das Wort „einmal“ im vorletzten Vers den Bezug; das Thema schwingt durchgängig mit. Man kann Hölderlins Parzen als Zusatzfolie hernehmen, muss es aber nicht; der Text funktioniert auch ohne diese Referenz. 

 

In Hölderlins Gedicht sehnt sich ein lyrisches Ich nach einer kurzen Zeit „zu reifem Gesange“, um danach „williger“ sterben zu können:



 

An die Parzen 


Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! 

   Und einen Herbst zu reifem Gesange mir, 

      Daß williger mein Herz, vom süßen 

         Spiele gesättiget, dann mir sterbe. 

 

Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht 

   Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;

      Doch ist mir einst das Heilge, das am 

         Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen, 


Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt! 

   Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel 

      Mich nicht hinab geleitet; Einmal 

         Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.


(Friedrich Hölderlin, 1798)

 

„Hiermit zu Hölderlin. Parzen sind die griechischen Moiren: „der dem einzelnen Menschen zukommende Anteil am Schicksal“, das, lt. Homer, „persönliche Geschick“, kurz: Nornen, Karma, Kismet. Parca: die Geburtsgöttin. Die, die der „Maulbrüterin“ hilft, ihr „Küken“ ins Licht zu spucken. (…) absurd: der Kuckuck brütet bekanntlich weder im Maul noch im Nest, sondern lässt brüten - für mich ging's immer nur um die Kuckucksuhr als Symbol, nicht um den Kuckuck - ich habe das mit der Maulbrüterin immer als total passend empfunden.... Andererseits „hat die Anzahl seiner Rufe im Volksglauben Bedeutung für Lebensdauer, Geld, Heirat und Wetter“, kurz: fürs Schicksal. Womit sich ein weiterer Strauß an Interpretationen auftut.“

 

Subversiv? “Damit meinte ich, dass es ein Text ist, der die Kühnheit besitzt, mit so einem Liedchen auf Hölderlin Bezug zu nehmen (…) als kleine große Randbemerkung, parodistisch und persiflierend.“ (…)


Komisch? „Dahinter steht etwas, was für mich die Qualität noch steigert, nämlich, dass der Text eigentlich im Kern gar nicht komisch ist. Wo einem das Lachen im Hals stecken bleibt (…)  KOMISCH? nun ja, komisch ist das eigentlich nicht. Wenn es komisch ist, dann mit einem sehr tiefgründigen Humor, vermutlich auch auf das Schreiben gemünzt, was man „hinbringt“, als Autor ... wenn man Hölderlins „Parzen“ als unterlegt annimmt. „Heraus aus der Tür der Uhr kommt nichts großartiges, kein auftrumpfender Pfau, nichts divahaftes, sondern ein hölzerner hässlicher Sägespan mit winzigen Flügelchen, der nur Playback singt.“

 

„Die Bemerkung, daß der Kuckuck kein Maul-, nicht mal überhaupt ein Brüter sei, wurde (…) offenbar gründlich mißverstanden. Das war keine Kritik an dem Text, ganz im Gegenteil: zum einen wird mit dem Kuckuck als Vogel, nämlich als „Schicksalsvogel“, gearbeitet, zum anderen ist die „Maulbrüterin“ – tja, eben KEINE Unstimmigkeit, mit der zoologische Tatsachen verbogen und zurechtgedreht werden: es geht ja um die KuckucksUHR, und die IST's ja! (Fraglich bliebe allenfalls, inwieweit das Türchen oberhalb des Zifferblatts als „Maul“ zu bezeichnen eine Berechtigung hat ...) Das ist alles ziemlich irrwitzig, und trägt sehr zur (längst attestierten und unbestrittenen) Komik dieser 9 Zeilen bei, das ist, v. a. in Verbindung mit der Geburtsgöttin Parca, grandios absurd! (Sagte ich das nicht? Doch, sagte ich.)“

 

Metrisch?  „3 Strophen à 3 Zeilen. Keine Reime. Weitgehend freies Versmaß. Oder vielleicht doch: SCHEINBAR frei? Es beginnt (bis zum Maul) jambisch (von iaptein, „schleudern“, und prompt wird 2 Zeilen später das Küken ins Licht gespuckt=geschleudert), weiter geht‘s mit den Stunden, die (spätestens unter der Hölderlinschen Folie zwanglos als „-geschlag’ne“ gelesen werden können und damit) sauber trochäisch, nämlich „laufend, schnell“, totgeschlagen werden, um in der 3. Zeile im Räderwerk des dämonisch-drehenden Daktylus zu landen, der nun, Jam-ta-tam, im walzerseligen Takt, also „mechanisch“ intakt bleibt – bis hin zur „Zeit“: die ist, wie wir seit Einstein wissen, relativ und beginnt zu „flattern“. Und wird, ganz nebenbei, heutzutage meist „digital“ angezeigt, i.e., gr, „daktylisch“. Nochmals dann quietschen die Flügel im Walzer, bis dass sie „müde“ werden: nun ist eh alles egal, ganz dem Inhalt gemäß (vielleicht lässt sich die „Stimme“ ja im „freien“ Rhythmus „finden“? befreit von „his master’s voice“?), um noch „einmal“ im glatten Trochäus zu landen, korrespondierend mit der 2. Zeile: „Jede totgeschlag’ne Stunde / löst sich eine Feder im Getriebe.“ – „in den 9 Zeilen hat‘s 3x 9, 2x 10, 1x 11, 2x 12 Silben, einmal – „einmal“! – dreizehn, genau in der Mitte: da schlägt‘s dreizehn!“

 

Die "Parzen" sind eine alkäische Ode: eine fest eingeführte Form, im 18. Jahrhundert wiederbelebt aus der griechischen Antike. 

 

x x´ x x´ x | x´ x x x´ x x´ 

x x´ x x´ x | x´ x x x´ x x´ 

x x´ x x´ x x´ x x´ x 

x´ x x x´ x x x´ x x´ x“


 (Alkäische Odenstrophe, Versmaß)

 „Ich will das mit dem (unstrittigen) Hölderlinbezug weiter untermauern und belegen. 

 

Auch in den Parzen 3 Strophen, allerdings à 4 Zeilen (sehr schön vom Verfasser: kein sklavisches Nachahmen oder Nachbauen, sondern eine eigene Variation, und im Zweifel eine Nummer kleiner als das große Vorbild – eine Verneigung vor Hölderlin). Die 4 Zeilen mit jeweils 11, 11, 9, 10 Silben, also ähnlich wie beim Kuckuck.

 

 Auch beim Rhythmus gibt es Parallelen:

-/-/-/--/-- (Parz., jew. 1. und 2. Z.)

-/-/-/--- (Kuck., 1. Z.)

-/-/-/-/- (Parz., Grundrh. der jew. 3. Z., mit kleinen Varianten in jeder Str.) 

/-/-/-/-/- (Kuck., letzte Z.)

 

Und noch eine: bei den P. beginnen die jeweils ersten 3 Z. mit Auftakt (leicht), die 4. ohne (schwer); beim K. (sofern man das „jede“ als -- liest) die jeweils ersten 2 Z. leicht, die 3. schwer. Also auch hier: eine deutliche Anlehnung an den Vorwurf, aber kein Nachäffen. Ich bleib dabei: auf das Versmaß wurde sehr genau geachtet.“



Themenbezug? Das Bild sowie das ganze Setting als solches ist gelungen und darüber hinaus kühn gewählt. Die Leidenschaft, und mit ihr das Dichten im ganzen Hölderlinschen Sinn (also reif zu sein für den Gesang, um nach dem gelungenen Gedicht willig zu sterben), wird lapidar reduziert auf einen Kuckuck, der ins Freie tritt. Die "7 Minuten" kann man durchaus als innere Uhr sehen, in der man (pro Tag?) bei sich, also in seinem eigentlichen Element ist; bei den Dingen, die einen wirklich begeistern und mit Leidenschaft ergreifen. 7 Minuten pro Tag sind zugleich vielleicht sogar eine gewagte Metapher für das tatsächliche Leben, in welchen der Kuckuck (der profan als Sägespan bezeichneter Teil einer Maschine), für lange, lange Stunden sein (Nicht-) Leben fristet und für wenige Minuten pro Tag ins Freie darf - durch den Kontrast zu den verbleibenden 23 Stunden und 53 Minuten entfaltet dieses Bild erst seine ganze Wirkung. Hierdurch blitzt auf, was tatsächlich Leidenschaft sein kann; in guten Gedichten findet sich die eigentliche (unaussprechliche?) Aussage nur angedeutet zwischen den Zeilen. 

 

"Der „müde Sägespan“ (mit allen schon genannten Konnotationen), fremdgesteuert und synchronisiert, träumt seit vielen Sommern und Herbsten (von den Wintern und Lenzen gar nicht zu sprechen) davon, „seine Stimme [zu] finden“, ohne Aussicht auf Erfolg. Aber er wartet, geduldig, mit ganz geheimer Leidenschaft. Und „einmal“ passiert es dann doch: „einmal löst sich eine Feder im Getriebe“ – sie LÖST sich, der Span ist frei! Dass dann für ihn, den Span, wohl gar nichts mehr geht, ist eine andere Frage." 

 

 

II

 

#237, Uwe Schoor: je brûle pour toi

 

je brûle pour toi

er brüllt nach ihr

die tage werden trüber

long live le roi

warum pourquoi

nicht unter und nicht über

 

gib ihn heraus

das tat sie nicht

ich habe das gelesen

ein galgenlicht

wie geht es aus

hab’s irgendwo gelesen

 

und sag mal du

ich hab nichts vor

du schickst dich an zu nicken

dein königssohn

steht schon im tor

du kannst ihn doppelklicken

 

--

 

Zu keinem Text wurde im Forumthread mehr diskutiert und geschrieben als zu diesem. Es sind von der Jury ca. 6500 Wörter mit insgesamt mehr als 40.000 Zeichen nur zu diesem Gedicht geschrieben worden. Der Text machte es uns Juroren nicht leicht, wir machten es uns mit dem Text nicht leicht. Im Folgenden haben wir versucht, den Diskurs im Wesentlichen abzubilden und setzen dabei Originalzitate aus dem Forum kursiv.

 

Sprachlich gesehen. Zunächst ein Gedicht, das durch seine Vielfalt gleichzeitig besticht wie irritiert. Von Anfang an war klar, dass es um mehr geht als um eine beliebig multilinguale Sentenzendrescherei.  Wo aber liegt der Mehrwert des vermittels dreier Sprachen Gesagten? Dieser sprachlichen Vermischung? „Kinderreim? Mittelalterliches Märchen? Computerspiel? Oder einfach zum Brüllen komisch?“

 

Bestochen hat zunächst einmal hauptsächlich der originelle Aufbau des Textes, der wie ein Abzählvers oder ein „Kindermerksprüchlein“ klingt: „Le boeuf - der Ochs, la vache - die Kuh, fermez la porte …“, „der ‚leiernde‘ Rhythmus hat was von einem Abzählreim, der ja auch oft mit sehr disparaten Bildern arbeitet (ein kleines Beispiel: ‚1 2 Papagei / 3 4 Offizier / 5 6 alte Hex / 7 8 Kaffee gemacht / 9 10 weiter gehn / 11 12 junge Wölf / 13 14 Haselnuß / 15 16 du bist duß‘), und der Anfang der 2. Str. hört sich wie Kindergezänk an.

 

Humor? Wortwitz? Der Text erschien anfangs kaum fassbar. Man wusste nicht, ob man lediglich einem irrwitzigen sprachdurchmischten Wortspiel aufsaß … „Dann ist die Creme brule eine "brüllende Creme"?? - Kein Wunder, dass ich immer so schlecht höre ... Und "long live le roi" - puh, näh“ – „Tja - kannitverstan ... aber irgendwie ist das lustig, im Sinn von: macht Lust, macht Laune. Rhythmus und Reime stimmen auch - doch ja: je brûle pour ceci!“

 

Rhythmisch. Metrisch. „Und vor allem: es ist rhythmisch und reimlich stimmig.“ Gedichte, die in puncto Reim, Rhythmus und Metrik in sich von Anfang bis Ende  stimmig waren, bildeten  die ganz große Ausnahme. Hier hatten wir endlich wieder einen Text vor uns, der sich von den mehr oder weniger dilettantisch gereimten Endreim-Hobbydichtungen mit von Vers zu Vers variierender Binnenmetrik entschieden abhob.  

In 3 Strophen, die sich metrisch gleichen, gibt es jeweils 2x 3 jambische Verse, die ersten beiden 2hebig, danach 3hebig, das Schema wird 1x wiederholt. „Die Form ist schnell erledigt: 3 Strophen à 6 Zeilen, jew. zwei 2-hebige und ein 3-hebiger Jambus (der mit schwacher Kadenz). Ohne jede Abweichung. Die Reime sind weniger regelmäßig: a-b/aab // cde/dce // -fg/-fg.“-  „Bei Reimen stellt sich mir automatisch die frage nach der Notwendigkeit“, die mancher Juror nicht eingelöst sah.

 

Verrätselung. Inhaltliche Tastversuche. „Schwierig wird‘s mit dem Inhalt. Hingetupfte, angedeutete Bilder, die sich selten verbinden. Eigenartigerweise scheint man‘s schon beim ersten Lesen zu ‚verstehen‘, auf einer ganz tiefen, archaischen Ebene.“ Um dem Text auch inhaltlich auf die Spur zu kommen, diskutierte man sich im Forum die Fingerkuppen wund. Die Frage wurde laut, ob es prinzipiell angehen kann, dass ein Text sich so hermetisch (um nicht zu sagen kryptisch) hinter seinen Worten verschanzt, sodass der geneigte Leser Mühe hat, ihm auf die Schliche zu kommen. Hier sind wir als Juroren nach wie vor völlig  unterschiedlicher Ansicht. 

Eines stand jedoch schnell fest: „Je brûle…“ ist ein Text aus der Tradition z. B. eines Paul Celan, der sich auch nach langer und gründlicher Rezeption nie völlig erschließen wird und somit immer „Geheimnis im Geheimnis“ bleiben wird; kein Text also aus der Tradition z. B. Bertolt Brechts, wo sprachlich teils mit geringem Aufwand eine „blitzartige“ Erkenntnis herbeigeführt wird; kein Lehr-Gedicht also, sondern ein ewig-verrätseltes. Derart unauflösbare Texte haben ihre eigene Tradition. Sie reichen von mittelalterlichen Rätseln bis hin zu  ganz neuen sprachexperimentellen Texten. Die „schillernde“ Wort-Oberfläche muss man sich erst aufschlüsseln. „Es zeigt aber einen "ansprechenden" Spannungsbogen zwischen mittelalterlich Märchenhaftem und computerweltlicher Jetztzeit (vielleicht ein neues Fantasyspiel?)“ 

 

Je brûle pour toi. Wir näherten uns zunächst über das französische ‚je brûle‘:

„(…) eigentlich heißt brûle: angebrannt, durchgebrannt , ausgedörrt, verbrannt etc., ‚er brüllt nach ihr‘  ist nicht die Übersetzung der ersten Zeile, sonst müsste es ja heißen: ‚ich brüll' nach dir‘, es ist ein wortspielerisches Weitergehen, die Konsequenz aus Zeile 1.“Mitnichten eine parodistische, sondern eine offenbar oft und gern gebrauchte Wendung. Bei Google gibt‘s dazu knapp 1500 Einträge (…). Wie es scheint, ist das eine gern genommene Zeile in Songs und Chansons. Ein hübsches kleines Beispiel dazu: das „Chanson de Ronsard“, Musik (1924) von Arthur Honegger (1892-1955), Text von Pierre de Ronsard (1524-1585). Die ersten beiden Zeilen:‚Plus tu connais que je brûle pour toi / Plus tu me fuis, cruelle‘ usw. Wie ich mir mühsam zusammengefieselt habe, geht‘s wohl um eine verschmähte Liebe zu der Grausamen, und ‚je‘ will am Schluss bloß noch sterben.“

 

Heine. Meyer. Celan. Knigge. 

 

-          ‚die tage werden trüber‘ „Es ist wirklich erstaunlich, wie präzise die so harmlos daherkommenden Zitate ausgewählt wurden: man findet die zugehörige Stelle!“ Nach und nach deckten wir auf, dass hier einiges „zusammenzitiert“ wurde. 1. ‚Im traurigen Monat November war‘s, / Die Tage wurden trüber“ etc. Heine, Dtl., ein Wintermärchen.‘

  

-          ‚gib ihn heraus‘ – „ Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898), ‚Die Füße im Feuer‘, die entsprechende Passage daraus: 

 

‚Drei Jahre sinds ... Auf einer Hugenottenjagd ... 

Ein fein, halsstarrig Weib ... 'Wo steckt der Junker? Sprich!' 

Sie schweigt. 'Bekenn!' Sie schweigt. 'Gib ihn heraus!' Sie schweigt. 

Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf. 

Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie 

Tief mitten in die Glut. 'Gib ihn heraus!' Sie schweigt.‘ 

 

-          ein galgenlicht‘ – „Morgenstern? Aber bei dem sind‘s -lieder, kein -licht ... Ah, da isses: Paul Celan, ‚Harmonika‘: ‚Der Eiswind hängt über die Steppe das Galgenlicht deiner Wimpern.‘

  

-          nicht unter und nicht über„Nicht zu glauben, aber auch bei diesen nichtssagenden Wörtchen stößt man fast schon penetrant immer auf genau 1 Zitat: „Kleide Dich nicht unter und nicht über Deinen Stand; nicht über und nicht unter Dein Vermögen; nicht phantastisch; nicht bunt; nicht ohne Not prächtig, glänzend noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und wo Du Aufwand machen mußt, da sei Dein Aufwand zugleich solide und schön. Zeichne Dich weder durch altväterische, noch jede neumodische Torheit nachahmende Kleidung aus.“ (Adolph Freiherr von Knigge, ‚ Allgemeine Bemerkungen und Vorschriften über den Umgang mit Menschen‘).

 

Folter? Zentral ist der C. F. Meyer-Text, ohne den bleibt dieses Gedicht dunkler als es ohnehin bleibt. Und der Schlüssel dazu steht in der 2. Strophe, mit dem zweimaligen „hab‘s gelesen“. Mich hat das von Anfang an nicht gestört, ich fand‘s im Gegenteil sehr ein- und nicht aufdringlich“ – „Tja, ‚hab’s irgendwo gelesen‘ ... indeed ... und man kann alles doppelklicken ...  Mit der 3. Strophe müsst jetzt Ihr weitermachen, da hab ich nix anzubieten (blutige Geschichte verkommt zum Gewaltcomputerspiel? Die Gefolterte/Getötete bekommt, siehe Heine, bei Berührung der Mutter neue Kräfte? 1 neues Leben?“ – „Nehmen wir mal an, die/der Verfasser/in will hier tatsächlich, durch Beifügen von Zitaten von C. F. Meyer (hier wird die Frau des Junkers zutode gefoltert, sie solle ‚ihn heraus‘geben) sowie P. Celan tatsächlich was über Folter aussagen (…) übertragen wäre das recht makaber - sozusagen aus der Perspektive der Frau des Meyerschen Junkers gesprochen. ‚ich brenne für dich, um dich nicht preisgeben zu müssen.‘

 

Worum geht es?Nach vielem Hin- und her kam man zur Ansicht, dass der Text in seiner Vielfältigkeit auch wunderbar die oft (an)zitierte rhizomhafte Struktur des Internets darstelle und in seiner fast gewaltsamen Vermischung von Textebenen und fehlerhaften Verkettung von semantischen Scheinbezügen  ein wenig auch vorführe: „ich habe das gelesen / (…) hab’s irgendwo gelesen“. Dies offenbare deutlich das Palimpsest, auf dem alle Texte fußen (“What else than a natural and mighty palimpsest is the human brain? Such a palimpsest is my brain; such a palimpsest, O reader! is yours. Everlasting layers of ideas, images, feelings, have fallen upon your brain softly as light. Each succession has seemed to bury all that went before. And yet in reality not one has been extinguished.”Thomas de Quincey); man hat irgendetwas gelesen, weiß es nicht, und alles, was man gelesen hat, fließt ein in das, was man selber schreibt, auch unbewusst. Der so bearbeitete „Intertext“ als Summe aller verfügbaren Texte, das Gemeingut der weltweit (in den Köpfen virtuell)gespeicherten Textmenge. Zudem hat der intellektuell Versierte (Bildungsbürger?) das Problem, vieles und nichts zu kennen - wo stand es nur gleich? Er weiß vieles, hat es in der hintersten Kammer seines Gehirns archiviert, aber ohne, dass es ihn noch anrührt, geschweige denn je angerührt hat … im Versteckten also auch ein moralischer Text?

 

Kontroversen. Dieses Gedicht wurde von Anfang an sehr kontrovers besprochen. Es gab nur Befürworter und Gegner, wenig dazwischen. Der Text teilte die Jury in zwei Lager. Nun sollen auch die Gegenstimmen zu Wort kommen, kontrastiert wiederum von den „Entkräftungen“ der Textbefürworter. Insgesamt verweigere ich mich innerlich, wenn ich mitkriege, dass ein Text derartig massiv mit Zitaten gespickt ist und von seinem Leser verlangt, dass er das alles erst mal ausgraben muss. Dass er erst mal 2 Fremdsprachen beherrschen und 2 Stunden googeln soll. Das Ganze kann dann noch so gut sein.“ – „Excusé moi: ‚je‘ hab ich auf der Reihe, ‚pour toi‘ auch. ‚brûle‘ musste ich nachschlagen, und ob das alles zusammen nun eine korrekte oder gar gängige Redewendung ist, bedurfte ich tatsächlich des Internets. Aber bitte: ich kann doch meine persönliche Unwissenheit nicht dem Autor zu Vorwurf machen! Oder was grad an Fremdsprachen en vogue ist! Kürzlich hab ich (wieder mal) Zweigs ‚Sternstunden der Menschheit‘ gelesen, wo er jedes kleinste englischsprachige Zitat brav in Klammern übersetzt, frz. Zitate aber zeilenweise, als verstünd sich‘s von selbst, einfach so stehenlässt. Und das ist grad mal 80 Jahre her. Kurz: vom ‚brûle‘ abgesehen (das stante pede als Brüllen subtil konterkariert und stupend ad absurdum geführt wird, etc.) ist jedes Wort jedem auch nur ansatzweise denkbaren Leser ad hoc, a priori und per se verständlich.“ 

Man diskutierte an diese Stelle immer grundsätzlicher; das Topic dieser Meta-Diskussion lautete im Kern: „Wie viel Wissen ist also notwendig, ein Kunstwerk angemessen rezipieren zu können? Oder andersrum: wo ist der Punkt, wo ein Künstler ein Zuviel an Wissen und Kenntnis voraussetzt, um sein Werk verstehen zu können?“„Für mich gibt es auch die Frage, was macht der Text EINFACH SO mit mir, ohne Recherche und ohne akribisches Auseinanderklamüsern, was steht zwischen den Zeilen, was erfasse ich intuitiv?“ – „(…) weil Texte geschrieben werden, die völlig unpräzise und beliebig sind, für jeden was dabei, Haribo Colorado: nehmt euch, was ihr wollt, lest rein, was ihr wollt, je mehr ihr findet (die Zeit habt ihr ja...), desto besser.“ – „Nächster Punkt: wieweit darf sich ein Kunstwerk auf andere beziehen? Antwort: JEDE Kunst ist Metakunst. Alle Kunst bezieht sich auf alles Dagewesene.

Ob sie das ex- oder implizit tut, ob sie‘s versteckt oder betont, ob sie sich dagegen wehrt und auflehnt oder sich (vielleicht sogar gleichzeitig) der Tradition – DES BILDUNGSKANONS! – ausdrücklich bedient, bleibt ihr überlassen.“ – „Für mich MUSS ein Text, der in diesem Rang gehandelt wird, präzise sein (mit „präzise“ meine ich: Wortwahl, Semantik, Reime, Bilder …). Das aber sehe ich nicht. Das einzige, was offensichtlich präzise ist: die Zitate. Mein Hauptargument war und ist: der Text ist einer von den vielen, die bewusst undurchschaubar gehalten sind. Für mich ist das eher ein Trauerspiel, wenn so ein Rätselraten stattfinden muss.“ U. v. m.

 

Trotz aller Gegenargumente ergab sich nach demokratischer Abstimmung für diesen Text am Ende der Platz 2. „Die ganze erste Strophe ist ohne jeden Quellenbezug im Wesentlichen zu verstehen. „brûle“ muss man ggf. nachschlagen, ist aber kein Problem. Die genaue Herkunft der 1. Zeile ist, wenn überhaupt gezielt gedacht, unwichtig (mein „Chanson de Ronsard“ war keine Quellenangabe, nur ein Beispiel für die Gängigkeit der Wendung). Heine wenn man sieht und erkennt, ist ein Mehrwert. Wenn nicht, tut‘s dem Ganzen keinen Abbruch. Noch mehr gilt das für die letzte Zeile: Herr Knigge ist völlig irrelevant, das entsprechende Zitat bringt aber wieder dieses raffinierte Bisschen mehr. Verständnisnotwendig ist es nicht. Die (zentrale) 2. Strophe muss tatsächlich, so man seinen C.F.M. nicht parat hat, ‚entschlüsselt‘ werden, aber der/die Autor/in macht’s dem Leser ja leicht: ‘ich habe das gelesen’, ‘hab’s irgendwo gelesen’ – zweimal wird gesagt: Achtung! Zitat! Bei Interesse bitte nachschauen! Und in Zeiten des Doppelklicks ist das, wenn man schon sooo mit der Nase drauf gestoßen wird, wirklich kein Problem. 2 Stunden googeln? Ach was. ‘ich habe DAS gelesen’ – ja was wohl? 2 Zeilen stehen zur Auswahl, sinnvollerweise fängt man mit der ersten an – keine 2 Minuten, und man ist bei CFM. Und das, denke ich, ist das einzige Zitat in diesem Gedicht, dessen Herkunft man wirklich wissen muss, um hinter die KinderAbzählversEbene zu kommen und die Rätsel der 1. Str. wenigstens teilzuentschlüsseln. (Inwieweit jetzt Celan noch relevant ist, weiß ich nicht, …) Aber wer macht sich heut noch die Mühe, ‚Rätsel‘ (die keine sind, nur vergessene Stellen) zu lösen, kryptische Formulierungen in der Literatur verstehen zu wollen ... da trifft man sich lieber im Hier und Jetzt (...), um mittels – weiß nicht, LAN (...), des andern Königssöhne in virtuellen Vergangenheiten doppelzuklicken ... Die Bedenken (…) sind Inhalt, gar conclusio dieses Gedichts!“

 

Conclusio. – „Vermutlich habe ich den Text wegen seinem doch einigermaßen hermetischen Äußeren zunächst unterschätzt.“ „80% der Jury waren von dem Text ganz spontan und unmittelbar entweder sehr stark angesprochen oder zumindest recht angetan. Von dem Text, WIE ER DA STEHT, ohne jegliches Hintergrundwissen!“„Der Text wirkt selbst dann, wenn man gar nix versteht: durch den Klang, den Rhythmus, das zauberformelige Sprachgemix und besonders in Verbindung mit den vertrauten Zitatklängen. Für mich immer mehr eine faszinierende Komposition.“ „(…) hier in einer Persiflage, ganz der heutigen Zeit und dem Bildungsstand der Masse angepasst, Übersetzungen falsch, Sprachen werden vermischt und keiner weiß was Genaues, was der Faszination des Mittelalterlichen keinen Abbruch tut, egal wie modern wir kommunizieren heute, vom Prinzen wird noch immer geträumt, für mich absolut gelungen.“

 

 


III

 

#607, Michaela Hampala: begegnung im hotel

 

zwischen aufgeklappten koffern

kein wort über das offensichtliche

 

wir trinken gekühltes wasser

stehen in diesem zimmer das uns nicht gehört nur

das geräusch der eiswürfel in den gläsern

 

draußen legt die späte stunde

noch einmal licht auf die hügel

 

das öffnen deines mundes

die linie des halses dein schlucken 

deine berührung eine schwalbe fort fliegen wir beide

 

jetzt frisst uns die nacht aus der hand

 

deine roten wangen sagst du

am boden die feuchten handtücher 

 

  

"Das mag ich! Eine interessante Mischung von Nüchternheit und ausdrucksvollen Bildern."

  

Zu Michaela Hampalas Gedicht wurde online interessanterweise viel weniger diskutiert als zu den beiden anderen Siegertexten – was insofern aufschlussreich ist, als ihm auch (s. u.) attestiert wurde, dass er das Wesentliche seiner Aussage ausspare und genau durch diese gekonnte Reduktion auf das Drumherum durch Weglassen wie ein Negativ das Eigentliche (- das, was mit den Mitteln des heutigen Gedichtes möglicherweise gar nicht mehr gesagt werden kann?) umso eindringlicher herausstelle. Der Text „legt“ sich um dieses Unaussprechliche (- weil Romantische?) charmant und hermetisch herum und zeigt nur die wenig romantischen  Überbleibsel einer zweisamen Nacht im Hotel. Man hat keine Zeit mehr, ist betreten, die Eiswürfel klirren kühl im Glas, bevor man das Ambiente wieder verlässt. 

 

Diesen Charakter des Ausgesparten hatte auch ein wenig die Diskussion unter uns Juroren - als ob sich auch die relativ knapp gehaltene Diskussion hermetisch um das Eigentliche herum“lege“, was es als Kerngedanken herauszustellen gäbe ... und "irgendwie" steht es ja auch im Text: 'kein wort über das offensichtliche' ;-). Sprachlosigkeit als DAS große Thema des Textes? Zitate aus dem Forumthread, sofern vorhanden, sind kursiv gesetzt.

 

Zunächst. Kontroverses. „Es ist natürlich besser als das meiste (…) ‚draußen legt die späte stunde / noch einmal licht auf die hügel‘ - was ist das? Lasker-Schüler? Dehmel? Oder noch früher? ‚jetzt frisst uns die nacht aus der hand‘ gefällt mir auch nicht, kommt mir ziemlich banal vor. Das Gedicht lebt aus dem Gegensatz zweier Ebenen: träumerische Romantik vs. neonbeleuchtete Realität, und für mich geht das hier nur halbwegs gelungen zusammen." – „Irgendetwas stört mich, aber ich weiß nicht genau was es ist, ich kann es auch nicht nach Regeln benennen, aber die 4. Strophe  ist ein totaler Bruch, ‚das öffnen deines mundes …‘ (…) plötzlich geht es um eine Aktion, aber sie bleibt uneingelöst stehen, oder legt sich das im vorhergehenden Vers beschriebene Licht auch auf das Öffnen... dann stört mich der 3.Vers dieser Strophe, ich mag das Bild mit der Schwalbe und auch den Nachsatz, aber auch das ist mir zu willkürlich drangehängt, hier wünschte ich mir einen Zeilenumbruch, und in der letzten Strophe stolpere ich immer wieder über die grammatikalische Konstruktion. Überhaupt sind manche Strophen nur umgebrochene Prosasätze, dritter Strophe oder auch die 2.“ – „Das ist richtig gut, da stört mich gar nichts!!! (bis auf das Bild der Schwalbe.... aber das ist eher Geschmackssache).“ – „Schön, nach langem Überlegen und mehrmaligem Lesen, nein - nix auszusetzen.“

 

Sprachlich, rhythmisch, sexuell.„Der Text als Ganzes hat genug Transzendenz, um für sich stehenzubleiben, das ist parabelhaft und allgemeingültig genug, dass es Bestand hat und nicht nur eine ganz persönliche Liebesgeschichte ist, sondern DAS hier kennen vermutlich Tausende.“ – „Warum da einige Zeilenbrüche eben nicht kommen, hat für mich in jedem Einzelfall seine Berechtigung. ich finde das absolut in sich schlüssig. 1 Beispiel: ‚deine berührung eine schwalbe‘ als Einzelvers wäre einerseits sehr nahe am Kitsch, denn es ist das Ende der Berührung schon absehbar; manche Berührung ist umso intensiver, weil sie nur kurz stattfinden darf.“ – „sprachlich wird das auch umgesetzt und eben sehr dezent, ohne Brimborium, ohne moralische Anklage, ohne Kitsch, ohne aufdringliches!!! sexuelles Geplänkel (UND GANZ VIELES, WAS HIER NICHT!!! GEMACHT WURDE!!! was sich die anderen Texte nicht verkneifen konnten - das bitte nicht vergessen. Der Text ist dermaßen gelungen in dem, was er alles WEGLÄSST, dass es eine Schau ist).“ – „Na ja, vielleicht würde ich Zeile 4 nach ‚nicht‘ umbrechen.“ – „Hm... würde man nach ‚nicht‘ umbrechen, hätte man nicht die anschließende Zeile in ihrer "reinen Form": ‚das geräusch der eiswürfel in den gläsern‘ -  dass das für sich steht, hat natürlich auch wieder eine Qualität.“

 

Wobei gesagt werden muss, dass die Jury ab einem gewissen Zeitpunkt, ohne sexualfeindlich zu sein, einen gewissen Überdruss entwickelt hat gegen NOCH einen Text, der SCHON WIEDER mit ein- und zweideutig sexualisiertem Vokabular aufwartete - manchmal auf recht primitive Art und Weise. In Hampalas „begegnung im hotel“ wird mit einer (möglichen) Sexszene so umgegangen, dass Leidenschaft eben nicht in ein völlig durchschaubares „Reinraus“ abgleitet, wie es uns doch sehr oft präsentiert wurde; es wird dazwischen einiges sichtbar; Sex wird nicht eindimensional verklärt zu einem lustigen Spielchen auf Softpornoniveau, wo zwei sich in einen auch sprachlich kitschigen Rausch der Liebe hineinsteigern, sondern es zeigt zwischenmenschliche Schwierigkeiten und Brüche gleich mit auf.

 

Zwischen den Zeilen.„HIER steht das Wesentliche, was passiert, gar nicht im Text. Der Text arbeitet mit einer (...)  sehr gelungenen Aussparung, ist um das Entstandene herum geschrieben; man kann sich nun selber überlegen, was da vielleicht stattgefunden hat. Wobei der zweite Vers ‚kein wort über das offensichtliche‘  das womöglich etwas (zu) deutlich benennt. Genau aber durch das Ausgesparte funktioniert der Text. Es bleibt da vieles stehen, am Ende erfolgt die Trennung - man geht wieder seiner Wege, für wer weiß wie lange. Immer, wenn ein Hauch von Füreinander entstehen will, rote Wangen oder das Licht auf den Hügeln, wird das gleich wieder desavouiert - und es gelingt! UM es aber anhand der demaskierend-banalen Bilder (Handtücher/Koffer) desavouieren zu KÖNNEN, brauche ich eine gewisse Fallhöhe, die hier durch Bilder in einem gewissen elegischen Ton erzeugt wird, oder (…) durch ‚träumerische Romantik‘. Wäre es ein Lasker-Schüler-Text, wäre er durchgängig, also im Ganzen von der Sprachqualität wie ‚draußen legt die späte stunde / noch einmal licht auf die hügel‘. Als ganzer Text wäre so eine Sprachwelt freilich heute nicht mehr tragfähig. Dass das aber an einer Stelle mal durchklingt und durchklingen DARF, zwischen den feuchten Handtüchern und den aufgeklappten Koffern, finde ich eigentlich sogar recht geschickt gemacht. Die Aussage liegt genau dazwischen, die Kargheit der Bilder hat ihre eigene poetische Valenz - das ist ein Text, den man als Leser im Kopf weitgehend selber schreiben muss. Und die Andeutungen hierfür genügen vollkommen, sind genau bemessen, der Text ist dafür, was er beschreiben will, modern-unterkühlt genug, sodass m. E. der "Lasker-Schüler-Verdacht" nirgends wirklich angemessen ist (s. o. "Fallhöhe"). Es gibt stärkere und schwächere Bilder. Mir persönlich gefällt die Schwalbe nicht so sehr, aber auch sie hat durch so manches Sprichwort auch wieder Konnotationen, die hier ganz gut mitklingen (eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, bei schlechte

m Wetter fliegen die Schwalben tief usw.), die hier alle durchaus passen und das Elendig-provisorische der ganzen Situation noch unterstreichen.

 

Inhalt. Sprachlosigkeit***. „Darum geht es wohl: diese ganz und gar unvollkommene Situation der beiden zu zeigen, mit allem, was sprachlos macht. Da liegen nun die Handtücher am Boden, die Koffer sind aufgeklappt, nicht mal ausgepackt, man muss schon wieder weiter, es hat sich ein wenig Romantik ereignet, zu wenig natürlich, ein bisschen roter Wangenhauch und ein sich herabsenkendes Abendlicht, dann hat man schon wieder fertig, muss weiter, zurück in den hässlichen Alltag … das mal so als ein Deutungsversuch meinerseits, was ich da heraushöre, was da anklingt. Da ist vieles mehrdeutig, ich will hier nicht MEINE Deutungsvariante favorisieren (…). Was in jedem Fall gelingt: eine Liebe zwischen zwei Menschen darzustellen, die weder Zeit noch Raum hat; dafür ist kein Platz. Man trifft sich irgendwo, im Hotel, danach frisst einem die Nacht schon wieder die Zeit aus der Hand ... doch, auch dieses Bild gefällt mir, weil es den Gegensatz zeigt, dass es kein wirkliches Füreinander und Miteinander gibt, gerade mal Zeit, sich kurz in den Armen zu halten, ein bisschen Sex vermutlich und dann noch nebeneinander ein paar Stunden vor sich hindämmern; jede Minute ist kostbar und schnell vorbei.“ - ***„Nix hinzuzufügen.“

 

26. Oktober 2009

Die Jury
Regine Leonore Birkner
Brigitte Gassmann
Michael Hüttenberger
Jochen Kunzmann
Armin Steigenberger